vor 110 Jahren

Dieser Eintrag aus der Presse lädt zum Schmunzeln und zeigt, die Gleichberechtigung war schon damals ein Thema, dass keinen Binnen I sondern einfach nur Bildung brauchte.

Der Schaffner war halt nicht zwingend der gebildetste zu dieser Zeit, doch die Presse war hier schon deutlich weiter. Man merkt, wie uns die Kriege auch immer wieder in der Entwicklung zurückgeworfen haben.

Darf eine Dame in der Straßenbahn rauchen?
“Für Männer, aber nicht für Weiber”, sagt ein Schaffner, wie eine erboste Dame der Zeitung berichtet.
Neue Freie Presse am 14. November 1926

Diese Frauenfrage ist bisher merkwürdigerweise noch niemals aufgeworfen worden. Aber es scheint, daß sie trotzdem existiert und auf eine prinzipielle Beantwortung wartet. Das beweist ein unangenehmes Straßenbahnerlebnis, das uns eine Dame mitteilt. Sie fuhr letzten Sonntag von der Endstation Neuwaldegg nach der Stadt, und zwar allein. Die Dame hatte vorher in sorgenvoller Stimmung einen Spaziergang gemacht, und in dieser Stimmung zündet sie sich nun im Beiwagen eine Zigarette an. Als die Dame die Fahrkarte löst, macht der Schaffner sie darauf aufmerksam, daß hier das Rauchen verboten sei. Die Dame erwidert ganz ruhig, daß doch im Beiwagen kein Rauchverbot bestehe. Daraufhin leistet sich der Schaffner, dessen Dienstnummer die Dame in ihrem Schreiben angibt, die bemerkenswerte Antwort: “Für Männer, aber nicht für Weiber.”
Der Fall ist ganz klar: Hier liegt eine grobe Ungehörigkeit vor, für die der Schaffner zur Verantwortung gezogen werden sollte. Nun kommt die juristische Seite des Falles. Die Aufschrift in den Beiwagen besagt: Für Raucher. Müßte sie, damit auch Frauen hier rauchen dürfen, etwa lauten: Für Raucher und Raucherinnen? Gewiß nicht, denn solche Aufschriften haben immer nur eine maskuline Textierung. In den Badeanstalten heißt es auch: Für Schwimmer, für Nichtschwimmer, und niemand wird bezweifeln, daß dies genau so für Schwimmerinnen und Nichtschwimmerinnen gilt. Das Recht der Frauen, im Beiwagen zu rauchen, ist also nicht zu bestreiten, abgesehen davon, daß sie es in der Eisenbahn schon längst ungehindert tun.
Uebrigens hat auch der Verfassungsgerichtshof unlängst, als er die erste Frau zum Chauffeurberuf zuließ, klar entschieden, daß in jeder Hinsicht gleiches Recht für Männer und Frauen besteht, ausgenommen den Fall, daß die Tätigkeit der Frau einen gesundheitlichen Schaden zufügt. Nun, Rauchen ist gewiß nicht übermäßig gesundheitsfördernd, aber wenn die Männer sich Rachenkatarrh und Nikotinherzen zuziehen dürfen, dann darf in einem demokratischen Staat auch den Frauen diese Möglichkeit nicht benommen werden. Man könnte also über diese Frage nur noch von einer Instanz entscheiden lassen: der des guten Geschmacks. Und da wird wahrscheinlich die Mehrzahl der männlichen Fahrgäste, ungerecht, wie die Männer schon sind, gegen das Rauchen der Frauen in der Straßenbahn sein. Sie werden sagen, daß es kein erfreulicher Anblick ist, wenn die Frauen im Beiwagen mit den Männern um die Wette dampfen, husten und spucken.
Hoffentlich wird die Rauchfrage nicht wirklich zu einer brennenden Frage, indem die rauchenden Frauen Demonstrationsfahrten im Beiwagen veranstalten, der ja ohnehin schon genügend überfüllt ist. Und so wird diese schwierige Frauenfrage auch weiterhin ungelöst bleiben. Sie ist ja wirklich nicht so einfach zu beantworten und die richtigste Antwort ist vielleicht: Eine Frau darf in der Straßenbahn rauchen, aber eine Dame soll es nicht tun.

Heute machen wir uns weniger Gedanken was Damen tun dürfen und Frauen, heute ist es eher Frauen und Schlampen. Unterschiede machen wir immer noch.

Vielleicht nur am Rande ein Thema zu diesem Blog, aber vielleicht mit ein Grund, warum sich zu wenig Frauen in der Szene hervortun.

Frauen sehen die Welt ganz anders. Das ist normal und diese Sichtweisen dürfen vertreten werden. Traut euch raus.

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