Warum ist das Böse so attraktiv?

Achtung der folgende Text enthält Informationen zur 1.Staffel von Jessica Jones. Wer keine Spoiler will, sollte den Text daher nicht lesen.

Ich habe mir auf Netflix Jessica Jones angesehen. In der ersten Staffel gibt es einen Bösewicht gespielt von David Tennant.
Dabei ist mir mal wieder aufgefallen, dass der Bösewicht eine magische Anziehungskraft hat. Aber woran liegt das? Dieser besondere Bösewicht hatte die Fähigkeit der Manipulation. Es war ihm möglich Menschen glauben zu machen dass sie etwas tun möchten obwohl sie das nicht wollen. Im Laufe der Staffel war der Weg dieses Charakter mit Leichen gepflastert.
Und wenn er eine Frau wollte, konnte er ihr seine Wünsche einfach in den Kopf setzen.
Im Laufe der Staffel wurde ihm daher mehrfach vorgeworfen, dass er ein Vergewaltiger ist. Was auch stimmte. Denn ob man jemanden nun per Gedankenkontrolle oder mit Drogen gefügig macht, ändert ja eigentlich auch nichts am Ergebnis, dass man zu etwas genötigt wurde, dass man aus freiem Willen nicht getan hätte.
Trotzdem ist der Charakter anziehend und das hat mehrere Gründe.
Der erste liegt in der Wahl des Schauspielers. Obwohl er wohl das böseste war, was mir seit King Geoffrey in GOT untergekommen ist, war er immer noch symphatisch und der kurze Ausflug zum Guten; die vage Möglichkeit ihn zu bekehren wurden dankbar von den Zuschauern angenommen.
Ich selbst ging im Kopf ganze Konversationen durch, wie ich ihn wohl davon überzeugen könnte, seine Fähigkeiten nicht für egoistische Motive und vor allem nicht zur Nötigung oder gar zur Ermordung von Menschen zu verwenden.
Und das obwohl es nur ein fiktiver Charakter eines Marvel Comics ist.
An dieser Stelle sei die Rollenbesetzung jedenfalls gewürdigt als perfekte Wahl (natürlich gäbe es noch andere perfekte Besetzungen, diese ist es vor allem für mich, weil ich den Schauspieler bereits in Dr. Who besonders mochte).
Der 2. Grund für die Attraktivität von Bösewichten ist wohl in der Biologie des Menschen oder vielleicht auch besonders der von Frauen zu suchen (keine Ahnung ob es homosexuellen Männern ähnlich ergeht).
Der Bösewicht nimmt sich was er will, wann er es will. Er ist oft lange nicht aufzuhalten und daher als Partner und Versorger für den Nachwuchs besonders attraktiv. Und auch wenn Kinder mit dem Superschurken woll das letzte sind woran wir in diesem Moment denken. Ist es ein biologischer Trieb, dass wir uns mit einem mächtigen, starken, genetisch überlegenen Mann paaren wollen.
Der 3. Grund liegt in der Psyche, wobei die Gesellschaft der Auslöser ist.
Die Moral verbietet es uns bestimmte Dinge zu wollen. Egal ob es dabei um Sex geht oder anderes dass als moralisch verwerflich angesehen wird. Eine Liason mit dem Schurken ist reizvoll, da es bedeutet der gesellschaftlichen Moral den Rücken zu kehren und einfach frei und ungezwungen zu leben. Und trotzdem müsste man es nicht zugeben wenn man zurückkehrt. Man könnte immer noch so tun als wäre man ein Opfer, dass aus Angst, Zwang oder Erpressung oder eben wegen der Gedankenmanipulation beim Schurken geblieben ist und nun endlich ausbrechen konnte. In Wahrheit war die Verbindung mit dem Schurken, der Versuch aus den gesellschaftlichen Strukturen zu entkommen und die Rückkehr ist oft mit Scham behaftet.
Das alles bezieht sich nun nur auf fiktive Charaktere, aber man könnte es genauso gut auf echte Bösewichte in der realen Welt umlegen.
Damit erklären wir warum sich laut Umfragen 30% einen starken Führer wünschen (obwohl wir wissen, dass das in der Vergangenheit nicht gut ausging) oder warum Frauen Liebesbriefe an Mörder im Gefängnis schreiben.
Ja sogar die Verehrung mancher für Putin oder Trump lässt sich damit erklären.
Sie sind in der heutigen Gesellschaft die Schurken (auch wenn diese beiden nicht attraktiv sind) und das macht sie zu begehrenswerten Führungspersönlichkeiten, während viele, wie ich nur den Kopf schütteln können. Vermutlich weil wir es durchschaut haben und während mein persönlicher Schurke in der Phantasie keine Bedrohung für die Menschen darstellt, geht uns der Schurke in der Machtposition einfach zu weit.
Aber wir können versuchen mehr Verständnis für die Menschen aufzubringen, die sich von dem Charisma einlullen haben lassen.
Sie können nichts dafür. Das ist Biologie und Psychologie und nur mit der richtigen Bildung (nicht bloß theoretischer Natur) kann man sich über die eigenen Triebe erheben und moralisch richtige Entscheidungen treffen.
Wobei die Moral selbst für jeden eine andere Bedeutung hat. Meine Vorstellung von Moral unterscheidet sich vermutlich in vielen Punkten stark von eurer. Sie hat sich auch in den letzten Jahren durch meine Erfahrungen immer wieder gewandelt. Und vermutlich sind deshalb früher die Ältesten auch immer die Weisen gewesen.
Weil durch die Lebenserfahrung haben sie gelernt welche moralischen Standards wirklich von Bedeutung sind und welche wir am Ende ruhig über Bord werfen können.
Und deshalb ist es auch okay vom Schurken zu träumen, denn das hilft uns das gesellschaftliche Korsett an den notwendigen Stellen auch einfach mal zu sprengen.

Ein Kommentar zu „Warum ist das Böse so attraktiv?

  1. @Baizuo Ich stimme Ihnen zu. Eine der wenigen Fragen, in denen ich mit dem geschätzten Herrn Mannheimer uneinig bin, ist die Beurteilung Gadafis. Dieser war natürlich ein Diktator, hat aber enorm viel für sein Land getan; dieses hatte seit langem den höchsten Lebensstandard in Afrika. Er wurde von den Nato-Gangstern weggebombt, weil diese hofften, sich die libyschen Wasser- und Oelvorräte unter die Nägel reissen zu können, und zweifellos auch darum, weil er den Massenzustrom von Schwarzafrikanern nach Europa weitgehend blockiert hatte. Heute herrschten in Libyen Mord und Totschlag, und islamische Extremisten, denen Gadafi gezeigt hätte, wo der Bartel den Most holt, treiben überall ihr Unwesen. Dass der Erzhalunke Sarkozy, der sich von Gadafi bezahlen liess und ihm dann hinterlistig den Dolch in den Rücken stiess, verhaftet wurde, erfüllt mich mit tiefer Genugtuung. Von mir aus kann der Schurke bis zum Ende seines Lebens im Knast bleiben.

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